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Wildpflanzen auf dem Balkon
Heilziest (Betonica officinalis)

Besonderheiten eines Wildblumen-Balkons

Wildpflanzen sehen anders aus als Geranien. Sie blühen nicht die ganze Saison, sondern oft nur wenige Wochen, manche nur wenige Tage wie der Klatschmohn. Ihre Blüten sind oft kleiner. Niemand hat sie gezüchtet, sondern sie waren schon immer da.

Langsame Annäherung

Ich hatte früher auch die gängigen Sommerblumen auf dem Balkon und habe das jahrelang nicht hinterfragt. Es erschien mir nur logisch, dass man auf einem so begrenzten Raum eine größtmögliche Blütenfülle über den ganzen Sommer schaffen möchte. Im Rückblick frage ich mich, warum mir nicht aufgefallen ist, dass keine oder nur wenige Insekten vorbeischauten. Allerdings ärgerte ich mich oft über die schrillen Farben oder plumpen, riesigen Blüten des Balkonsortiments. Mir schwebte eine naturnahere Ästhetik vor, die ich allerdings ohne ’natürliche‘ Pflanzen verwirklichen wollte! Heute habe ich fast ausschließlich Pflanzen, die folgende Kriterien erfüllen: Sie sind heimisch, sie sind mehrjährig (ein paar Einjährige kommen allerdings dazu), sie sind wertvoll für Insekten. Und sie gefallen mir. Mit all den Bienchen und Hummeln darauf.

Oase oder Wüste Gobi für Tiere?

Wo heimische Wildpflanzen wachsen, finden sich über kurz oder lang auch Insekten ein. Wildbienen, Honigbienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge suchen nach Nektar und Pollen und werden hier fündig. Stark züchterisch bearbeitete Pflanzen dagegen, z.B. solche mit gefüllten Blüten oder Hybridformen, sind steril und bieten keinerlei Nahrung für Insekten. Exotische Blumen (und das sind fast alle aus dem gängigen Balkonsortiment) sind außerdem nur für die Generalisten unter den Insekten interessant. Andere haben sich durch eine jahrtausendelange Evolution auf bestimmte, heimische Pflanzen spezialisiert und brauchen sie zum Überleben. Besonders groß ist der Frust, wenn etwa eine Wildbiene, angezogen von der Farbenpracht eines Petunienbalkons, feststellen muss, dass sie dort keine Nahrung findet. Ihre Überlebenschancen sinken durch weite, sinnlose Flüge, bei denen sie leer ausgeht. Viele Leute sind erschrocken, wenn sie hören, dass ihre Gärten und Balkone für Bienen und Schmetterlinge wie die Wüste Gobi sind. Wer ahnt denn auch, dass eine Gartenforsythie nicht ein einziges Tier ernährt, während die heimische Eberesche 63 Vogelarten Nahrung bietet?

Naturnähe

Wildpflanzen versamen sich, wenn es die Umgebung zulässt. Manche finden sich unverhofft ein paar Stockwerke tiefer in einer Pflasterritze wieder. Andere wandern im Samentütchen zu Freunden und Bekannten. Geranien sterben beim ersten Frost. Manche wilde Art grüßt vom Bahndamm, etwa der Wundklee am Berliner Ostkreuz. Geranien brauchen eine wöchentliche Düngung, um derart aufgepumpt durchblühen zu können. Petunien mit ihren Diva-Allüren nehmen es einem übrigens sehr krumm, wenn man mal ein Wochenende wegfährt und nicht gießt. Wildpflanzen dagegen sind hartgesotten und verwinden auch eine mittelgroße Blattlausinvasion gelassen. Meine Waldwitwenblume hat jetzt ein paar unschöne Blätter, trotzdem wächst sie nach dem überstandenen Ansturm wieder normal weiter. Mich stört es nicht: Blattläuse sind Futter für andere Tiere. Und nicht zuletzt: Wildpflanzen duften nach den Gärten der Kindheit: Meiner Pfingstnelke statte ich während ihrer Blütezeit jeden Tag einen Schnupperbesuch ab. A propos Erinnerungen: Meine Schwalbenwurz versetzt mich an ein besonderes Eckchen im Jardin d’art et d’essais in Frankreich, wo ich als Praktikantin arbeitete. Dort, im Halbschatten der uralten Buchen, wuchsen auch so seltsame Pflanzen wie Knotige Braunwurz, Rostiger Fingerhut und weißes Weidenröschen.

 

Der Hornklee mit seinem kleinen Horn

Der Hornklee mit seinem kleinen Horn

Pflanzen als Wegwerfprodukte?

Leider funktioniert die Logik der üblichen Saisonbepflanzungen nach der Maxime von Neukauf und baldiger Entsorgung. Im März setzt man Stiefmütterchen, Hornveilchen und ein paar Narzissen. Anfang bis Mitte Mai fliegen sie dann raus (bzw. in den Müll) und machen Platz für Geranien, Fuchsien, Studentenblumen und die ganzen anderen bunten Dauerblüher. Ab September folgen dann die Herbst- und Winterpflanzungen mit Heidekraut, Efeu und Greiskraut. Manche sparsame Omi aus der Nachkriegsgeneration überwintert ihre Geranien noch in Keller oder Garage, aber die meisten Leute kaufen sie jedes Jahr neu. Mehrjährige Wildpflanzen werden einmal gepflanzt und können dann mehrere Jahre im Kasten oder Topf leben. Das spart Ressourcen, Geld und Zeit.

Wildblumen bringen echtes Leben auf den Balkon: Wildbienen, Schmetterlinge und andere Tiere auf Futtersuche. Wilde Pflanzen sehen nicht nur natürlich aus, sondern sind es auch. Manche duften phantastisch. Und sie sind treu. Gern bleiben sie ein paar Jahre am Stück, nicht nur eine Saison. Selbst die „nur“ Einjährigen bilden Samen und können so jedes Jahr erneut ausgesät werden.

Großes Beitragsbild: Hummel auf unserem Heilziest (Betonica officinalis).

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