Wildpflanzen auf dem Balkon

Anfangen

Luzerne-Blattschneiderbiene

Warum und weshalb

Wenn du zum ersten Mal einen Balkon mit Wildpflanzen grünifizieren möchtest, hast du sicherlich mehr Fragen als Antworten. Einige möchte ich versuchen, zu beantworten. Vor allem möchte ich dich ermutigen, es einfach auszuprobieren. Wildpflanzen sind Überlebenskünstler und dein brauner Daumen sollte für sie kein Hindernis darstellen. Und ist dir klar, dass wir Pioniere sind? Bisher führen wilde Balkone nämlich ein avantgardistisches Nischendasein.

Wir sind viele Balkone!

Seit ein kleiner Krefelder Entomologenverein mit handfesten Zahlen untermauern konnte, dass wir es in den letzten Jahrzehnten mit einem  Insektensterben von apokalyptischen Ausmaßen zu tun haben, ist das Thema 2017 auch endlich in den Medien angekommen. Ein erster, sehr wichtiger Schritt für den Schutz der Insekten konnte nun auf politischer Ebene durchgesetzt werden: Die drei giftigsten Pestizide aus der Gruppe der Neonicotinoide wurden für den Freilandeinsatz in der EU verboten. Nichtsdestotrotz bleibt noch viel zu tun, um das Überleben gefährdeter Insekten zu sichern. Die Praktiken unserer industriellen Landwirtschaft, die die Vernichtung unserer Artenvielfalt nach sich ziehen, müssen sich dringend ändern, soviel steht fest. Wie können wir in der Zwischenzeit retten, was noch zu retten ist? Ein enorm wichtiger Beitrag besteht darin, das Nahrungsangebot für Krabbler zu verbessern. Das Wunderbare daran: Hier können wirklich alle mithelfen. Im Garten und natürlich auch auf dem Balkon.

Es gibt verdammt viele Balkone in Deutschland. Ganz zu schweigen von den vielen Terrassenquadratmetern. So ein Balkon kann ein Wäscheständer-Parkplatz sein, aber er könnte auch eine nektarstrotzende Oase für ausgehungerte Wildbienen werden.

Lange galten Gärten, ganz zu schweigen von Balkonen, als  vernachlässigenswerte Faktoren im Naturschutz. Das war, als es noch ein paar mehr Insekten gab. Mittlerweile lese ich in den Medien fast täglich einen Aufruf, Gärten naturnäher zu gestalten, seltener zu mähen oder bienenfreundliche Pflanzen zu kultivieren. Das Motto des Naturgarten e.V. , der sich als einer der ersten Akteure überhaupt mit dem Thema befasste, lautet nicht umsonst: „Jeder Quadratmeter zählt“. Das gilt auch für Balkonquadratmeter. Während strukturreiche Naturgärten richtiggehende Überlebensinseln für Populationen sein können, dürfen Wildblumen-Balkone doch immerhin für sich beanspruchen, dringend benötigte Nektar- und Pollentankstellen zu sein. Zentral für Insekten (und natürlich alle anderen Tiere) sind Lebensräume, die ihnen über das Jahr hinweg ausreichend Nahrung bieten. Wer auf Pollen und Nektar angewiesen ist, braucht also die richtigen Blüten, die zur richtigen Zeit blühen. Mit Wildblumen bepflanzte Balkone können Zwischenstationen, Außenposten und Ausweichlösungen sein, wenn Nahrung im eigentlichen Lebensraum knapp wird. Ich gehe oft in meiner Nachbarschaft spazieren und beobachte, was gerade wo blüht und wo sich die Tiere aufhalten. Da wird schnell klar, dass insbesondere im zeitigen Frühjahr und im Spätsommer/Herbst das Nahrungsangebot extrem knapp ist. Auch hier können Wildblumen-Balkone aushelfen.

Warum Wildpflanzen?

Nur heimische Wildpflanzen, ergänzt von einigen südeuropäischen Pflanzen (der Klimawandel lässt grüßen) und geeigneten gärtnerischen Sorten, bieten wilden Insekten das, was sie brauchen. Viele Wildbienen/Hummeln und Schmetterlinge sind seit Jahrtausenden  auf ‚ihre‘ Pflanzen spezialisiert. Und das sind nicht Geranien und Tagetes. Es sind die Pflanzen, die bei uns auf Wiesen, an Waldrändern oder auf mageren, sandigen Flächen wachsen. Oder früher mal auf Feldern und in Gräben. Klatschmohn, Natternkopf und Echtes Labkraut. Witwenblumen, Färberkamille und Hornklee. Diese Pflanzen kennen viele gar nicht mehr. Kein Wunder, denn unsere intensive Landwirtschaft hat viele der Lebensräume dieser Pflanzen zerstört: Durch Überdüngung, Einsatz von Giften und extrem häufiges Mähen. Da kommt kein Blümchen mehr hoch. Die Landschaft hat sich so über die Jahrzehnte sehr stark verändert. Mittlerweile finden Tiere auf landwirtschaftlichen Flächen keine Nahrung mehr und haben kaum eine Überlebenschance. Aber auch unsere Gartenkultur hat sich gewandelt. Blütenreiche Bauerngärten wurden zu englischem Rasenquadrat mit Kirschlorbeer-Umrandung. Mittlerweile gibt es leider auch immer mehr Schottergärten, da wächst dann gar nichts mehr. (Wenn Euch das Thema Wandel von Landschaft und Gartenkultur interessiert, hier eine legendäre Doku aus den 80er Jahren. Sie heißt „Grün kaputt“.)

Balkoneignung

Nicht jede Wildpflanze eignet sich für eine Balkonbepflanzung. Balkone sind Extremstandorte. Pflanzen müssen dort mit wenig Wurzelraum, wenig Wasser, viel Wind und städtischer Hitze zurecht kommen. Alle, die gern kühle, feuchte Standorte mögen, kommen nur bedingt infrage. Es sei denn, jemand grünifiziert einen Nordbalkon und pflanzt nur in riesige Kübel. Und nicht jede Wildpflanze ist, ich sage es mal ganz ehrlich, ein schöner Anblick. Graugrüne, winzige Blütchen müssen als kastenfüllende Bepflanzung nicht sein. (Es sei denn, jemand erwärmt sich genau für graugrün.) Dafür gibt es genug wunderschöne Arten! Mein Anliegen ist es, die Schnittmenge aus Insektenfreundlichkeit, Balkoneignung und Ästhetik aus dem großen Artenspektrum zu filtern und vorzustellen. So manche Pflanze ist vielleicht weniger beliebt bei Insekten als eine andere. Aber das hängt auch oft von den Insektenarten ab, die den Balkon besuchen. Also gilt es zu experimentieren und Erfahrungen auszutauschen.

Großes Beitragsbild: Luzerne-Blattschneiderbiene auf unserem Balkon-Koriander.

 

 

 

Schwebefliege an Alpenaster

Die Praxis: Bei Null anfangen

Du möchtest deinen Balkon oder deine Terrasse grünifizieren? Du willst einen Wildblumen Balkon haben? Wunderbar! Hier findest du die wichtigsten Praxisinfos in aller Kürze. Unter dem Menüpunkt Anfangen kannst du nochmal ein wenig zu den Hintergründen des naturnahen Balkongärtnerns nachlesen.

Gefäße und Bewässerung

Ich nutze ganz normale Balkonkästen aus Plastik mit Untersetzern. Die Untersetzer sind wichtig, damit das Gießwasser nicht ungehindert auf Nachbars Balkon tropft. Plastik sieht leider weder gut aus, noch hat es den Ruf, besonders ökologisch zu sein. Aber: Es wiegt fast nichts (Stichwort Traglast des Balkons) und es hält gut die Feuchtigkeit im Substrat. Erde in Tongefäßen trocknet deutlich schneller aus. Plastikgefäße sind die Quick and Dirty – Lösung der Wahl, wenn ihr nicht zuviel Geld investieren könnt und an dieser Stelle lieber eine niedrige Hürde nehmen wollt. Sie sind günstig und überall erhältlich. Tatsächlich stehen bei mir aber zusätzlich noch alle erdenklichen Gefäße herum, von Ton über Tetrapaks bis Terrakotta und Holz. Wichtig ist nur, dass es Abzugslöcher für das Gießwasser gibt, sonst können euch die Pflanzen bei Staunässe wegfaulen. Auch eine Mandarinenkiste habe ich bepflanzt, derzeit beherbergt sie Wundklee und Heidenelke. (Der Trick: Einfach einen abgeschnittenen Erdbeutel reinlegen, mit ein paar Löchern drin, damit das Wasser abfließen kann.) Terrakotta ist übrigens frostfest, was man von Tongefäßen nicht gerade behaupten kann. Trotzdem halten meine Tontöpfe immer ein paar Jährchen, dann bekommen sie leider die ersten Haarrisse vom Frost.

Wenn ihr öfter ein paar Tage weg seid, lohnt es sich, umso größere Gefäße und Kästen anzuschaffen. Je mehr Erdvolumen, desto besser die Wasserspeicherung. Eine andere Möglichkeit ist es, Wasserspeicherkästen anzuschaffen. Sie haben ein Wasserreservoir und so könnt ihr mal ein Wochenende überbrücken. Allerdings kann es sein, dass manchen eher trockenheitsliebenden Arten die feuchten Füße nicht gefallen. Oder ihr nutzt Tonkegel, auf die ihr eine Wasserflasche schraubt. Wer länger den Balkon verwaisen lässt, braucht eine Tröpfchenbewässerung oder nette Nachbarn. Ich nehme meine Jungpflanzen durchaus auch mal im Kofferraum mit..

Erde/Substrat

Ich nutze auf dem Balkon zwei Substrate: Wenn verfügbar, kaufe ich torffreie Bio-Hochbeeterde. Oder ich kaufe ganz normale torffreie Bio-Blumenerde. Mittlerweile gibt es unzählige Anbieter, aber ich habe noch keine großen Unterschiede festgestellt. Wichtig ist, dass das Substrat torffrei ist, damit nicht die letzten Moore für unsren Balkon dran glauben müssen. Auch Aussaaterden gibt es mittlerweile torffrei. Manchmal haben Pflanzen Schwierigkeiten bei der Umstellung auf das neue Substrat, was sich z.B. in leicht gelben Blättern oder anderen Wachstumsstörungen zeigt. Meistens gibt sich das nach kurzer Zeit wieder. Da viele der von mir verwendeten Stauden eigentlich in der Natur auf mageren Böden wachsen, sind sie manchmal im ersten Jahr richtig überdüngt. Sie schießen dann ins Kraut und wuchern übertrieben, z.B. meine Pfingstnelke. Sie sieht aus wie eine explodierte graugrüne Klobürste. Im zweiten Jahr gibt sich das dann aber meist. Und spätestens im dritten muss man oft schon nachhelfen mit Dünger (z.B. Wurmhumus oder Horngrieß). Bei Pflanzen, die viele Nährstoffe brauchen, müsst ihr evtl. schon früher düngen. Übrigens: Dass eure Pflanze Dünger braucht, merkt ihr an ihrem kümmerlichen Wachstum und hellen Blättern.

Und was ist mit Selbermachen? Wäre es nicht gut, den natürlichen Standort der Pflanze in punkto Substrat nachzuempfinden? So einen schönen alpinen Geröllhang vielleicht? Im Botanischen Garten haben wir quasi für jede Pflanze eine eigene Mixtur gezaubert. Es gibt auch GärtnerInnen, die spezielle Erdmischungen für den Balkon vorschlagen. Meistens enthalten sie mineralische Zuschlagstoffe wie Sand, Blähton, Perlite oder Vermiculit. Selbermischen ist toll, und ihr könnt experimentieren, was das Herz begehrt. Allerdings rate ich von in den meisten Fällen davon ab, zuviel Sand unterzumischen. Sand drainiert, d.h. er mindert die Wasserhaltefähigkeit. Bei wochenlanger Hochsommerhitze werdet ihr dankbar sein, wenn euer Substrat nicht gefühlt alle zwei Stunden gewässert werden muss. Anders sieht es aus, wenn euer Balkon nicht regengeschützt ist und die Gefäße in den regenreichen Jahreszeiten geflutet werden.

Blähton und Perlite dagegen steigern die Wasserhaltefähigkeit, was ihr unbedingt wollt! Letzlich stellt sich aber die Frage, ob sich der Aufwand lohnt, wenn die meisten Pflanzen auch in der Normalo-Erde ganz gut gedeihen. Aber ich gebe zu: So mancher Schönheit der Trockenstandorte (etwa meine Pfingstnelke) würde es in einem abgemagerten Substrat besser gehen.

Pflanzen

Bevor ihr euch für bestimmte Pflanzen entscheidet, müsst ihr erstmal wissen, wieviel Stunden Sonne ihr habt. Für die meisten Arten ist ein halber Tag Sonne optimal, d.h. ca. 6 Stunden. Wenn ihr einen Ost- oder Westbalkon habt, haut das ganz gut hin. Bei einem Nordbalkon oder Südbalkon dagegen solltet ihr eure Pflanzen mit Bedacht aussuchen. Nicht jede Art brutzelt gut gen Süden und nur wenige Arten blühen im Vollschatten.

Überlegt euch, welche Kriterien ihr wichtig findet: Wollt ihr bestimmte Insekten speziell fördern? Oder habt ihr eine bestimmte Ästhetik vor Augen? Soll es besonders pflegeleicht sein oder wollt ihr eine Bepflanzung, die auch der Schwiegermutter gefällt? Wollt ihr einen Blütenschwerpunkt im zeitigen Frühjahr oder lieber im Frühsommer, bevor ihr in den Urlaub fahrt? Oder, oder, oder… Ich werde im Lauf der Zeit unterschiedliche Pflanzvorschläge mit besonderen Kombis posten. Vielleicht ist ja auch was für dich dabei.

Pflanzzeit ist klassischerweise im Frühjahr oder Herbst. Manche Pflanzen haben im ersten Jahr Probleme mit der Überwinterung, wenn sie spät gepflanzt wurden und noch nicht richtig eingewachsen sind. Eine Pflanzung in Topf oder Kastern verschärft dieses Problem noch, da die Winterhärte im gewachsenen Boden deutlich besser ist. (Ein Beispiel dafür ist Aster amellus, die Kalkaster. Sie sollte nur im Frühjahr gepflanzt werden.) Wenn man das Gießen im Auge behält, spricht für viele robuste Arten auch nichts dagegen, im Sommer gepflanzt zu werden. Sollte gerade eine Hitzewelle durchs Land rollen und ihr einen Südbalkon haben, ist es dann besser, den Pflanzen in der ersten Zeit einen Sonnenschirm aufzustellen oder sie sonstwie zu schattieren.

 

 

 

 

 

 

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Besonderheiten eines Wildblumen-Balkons

Wildpflanzen sehen anders aus als Geranien. Sie blühen nicht die ganze Saison, sondern oft nur wenige Wochen, manche nur wenige Tage wie der Klatschmohn. Ihre Blüten sind oft kleiner. Niemand hat sie gezüchtet, sondern sie waren schon immer da.