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Wildpflanzen auf dem Balkon
Echte Wildform der Alpenaster

Wer ist wild und wer nicht? Unterschiede von Wild- und Zuchtformen

Botanische Namen klingen erstmal wie böhmische Dörfer. Aber sie helfen sicher weiter, wenn man wissen will, ob man es mit der Wildform einer Pflanze oder einer gärtnerischen Zuchtform zu tun hat. Ich erkläre das Ganze mal für den gärtnerischen Hausgebrauch.

Botanische Namen

Eigentlich ist es ganz einfach. Eine Pflanze hat im Normalfall einen zweigeteilten botanischen Namen, z.B. Campanula glomerata, die Knäuelglockenblume.  Der erste Name, ihr ‚Vorname‘ sozusagen, ist der Gattungsname und bezeichnet hier die Gattung der Glockenblumen. Der zweite Name oder ‚Nachname‘, hier glomerata, bezeichnet die Art der Pflanze.  Innerhalb der Gattung der Glockenblumen gibt es nämlich eigene Arten, die sehr unterschiedlich in Aussehen, Standortansprüchen oder Größe sein können. Es gibt Zwergglockenblumen (Campanula cochleariifolia), Pfirsichblättrige Glockenblumen (Campanula persicifolia), Rundblättrige Glockenblumen (Campanula rotundifolia) und noch viele andere.

Der Artname beschreibt  in der Regel in schönstem Latein eine Eigenschaft der Pflanze. Bei den genannten Glockenblumen ist das ihre Blattform (folia). Oft ist der deutsche Name lediglich eine Übersetzung des lateinischen Namens. Oder er ist ein alter volkstümlicher Name. Im Fall der Zwergglockenblume bedeutet ihr botanischer Name, dass sie Blätter hat wie das Löffelkraut (Cochlearia). Löffelkrautblättrige Glockenblume? Dann lieber Zwergglockenblume.

Jetzt wird es interessant.  Manche Pflanzen haben nämlich drei Namen, so extravagant wie Lavinia Hermine Büchsenschütz. Hiervon gibt es zwei Fälle. Und in einem der beiden Fälle können wir ausschließen, dass es sich um eine echte Wildart handelt.

a) Wir haben es mit einer Unterart/Subspezies zu tun, d.h. einer Abweichung von der normalen Art, die aber nicht so sehr abweicht, dass sie schon eine eigene Art bildet. Oft gibt es regionale Unterarten. Eine relativ bekannte und wunderschöne Unterart der Pfirsichblättrigen Glockenblume ist Campanula persicifolia ssp. sessiliflora. Ihre Blüten sitzen direkt am Stängel. (Allerdings gilt sie etwa in England als eigene Art, nämlich C. latiloba). Solche Unterarten sind echte Wildpflanzen. (Sicherlich gibt es aber auch botanische Spezialfälle, die ich hier nicht berücksichtige, weil ich mich damit nicht auskenne.)

b) Der dritte Namen steht ohne ein ssp. oder subsp. hintendran. In der Regel wird er groß geschrieben. Campanula carpatica Blaue Clips wäre so ein Beispiel. Oder Aster alpinus Dunkle Schöne. Dieser dritte Name ist der Sortenname und bezeichnet eine gärtnerische Auslese oder sogar Zucht. Hier hatte der Mensch also seine Finger im Spiel. Oftmals ist das gar nicht schlimm, denn eine Auslese ist ja nichts anderes als die Vermehrung eines von Mutter Natur besonders attraktiv geschaffenen Exemplars. Weiße Auslesen gibt es von fast jeder Art. Allerdings gibt es auch richtige Züchtungen, die beispielsweise gefüllt blühende, sterile Blüten hervorbringen, etwa Campanula haylodgensis Blue Wonder. Sie ist eine Kreuzung aus der Karpaten- und der Zwergglockenblume und könnte sich ohne die Vermehrung durch den Gärtner nicht fortpflanzen, weil sie keine Samen ausbildet. Auch dürfte sie wie fast alle gefüllten Blüten kaum oder gar keinen Nektar und Pollen für Insekten produzieren. Bei Sorten gilt es also genau hinzuschauen.

Wildform des Löwenmäulchens

Wildform des Löwenmäulchens

Besonderheiten von Sorten

Bei einer Sorte muss man prüfen, welche Eigenschaften sie hat. Fragt nach, lest nach oder googelt. Handelt es sich um eine reine Auslese, die der Wildart sehr ähnlich ist, aber einfach etwas andersfarbig blüht oder besonders schöne, große Blüten hat? Manche Sorten wachsen auch kompakter oder kleiner, was sie sehr wertvoll für den Balkon machen könnte. Sorten haben dennoch einen Nachteil. Sie neigen dazu, etwas schwach auf der Brust zu sein und sind oft nicht so wüchsig und robust wie die Wildform. So kommt es, dass sie irgendwann aus einer Pflanzung verschwinden. Die Wildform, die sich prächtig aussamt, übernimmt dann. Auf unserem Balkon ist das vielleicht nicht so tragisch, sondern dort überwiegen womöglich die Vorteile einer Sorte. Dies gilt es abzuwägen. Manchmal sind Sorten aber auch ganz klar im Vorteil. Nämlich dann, wenn sie besonders nektarreich sind. Oder reichblütiger sind, also deutlich mehr Blüten als die Wildform ansetzen.

Ein Beispiel für den unterschiedlichen Nektargehalt von Sorten ist die Blauminze. In unserem Gemeinschaftsgarten hatte ich unterschiedliche Sorten gepflanzt. Leider verschwanden mit den Jahren die Etiketten und ich kann nicht mehr nachvollziehen, wie diese eine Pflanze heißt, auf die sich alle Bienen und Hummeln der Nachbarschaft stürzen. Im Vergleich mit den anderen Blauminzen-Sorten war das schon sehr auffällig. Habt ihr sowas auch beobachtet?

Aus meiner beruflichen Erfahrung kann ich übrigens sagen, dass es in einer durchschnittlichen Gärtnerei nicht so genau genommen wird mit der Kennzeichnung der Pflanzen durch Namensetiketten. Auf diesen Plastikschildern – meist hinten im Topf klemmend –  steht der Name der Pflanze und es ist ein Foto abgedruckt. Diese Etiketten liegen in einem großen Schrank mit Hunderten von Schubladen. Leider gibt es nicht immer für jede Sorte ein Etikett. Dann steckt man eben ein anderes hinein, sprich das einer anderen Sorte oder das der Wildart. Hauptsache, es ähnelt sich grob. Deshalb lohnt es sich immer nachzufragen, um welche Art oder Sorte es sich genau handelt. In einer guten Produktionsgärtnerei kann euch diese Frage in der Regel auch beantwortet werden. Im Gartencenter, wo ja nur der Weiterverkauf stattfindet, dann wahrscheinlich nicht mehr.

Wo ihr echte Wildpflanzen beziehen könnt, habe ich in dem Beitrag Wildpflanzen und Saatgut kaufen zusammengestellt.

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